GLÜCKS-GESCHICHTEN

Das Wiedersehen mit Herbert – Die Fortsetzung

25/05/2020
Das Wiedersehen mit Herbert

Das Wiedersehen mit Herbert – Die Fortsetzung

Anmerkung: Diese Geschichte ist Teil 2 einer Fortsetzungsgeschichte. Falls du Herbert noch nicht kennst, solltest du mit dem Teil 1: Die Begegnung mit Herbert beginnen. 🙂

Eine Begegnung mit Folgen

Seit der Begegnung mit Herbert war nichts mehr wie vorher. Ganze zwei Jahre waren inzwischen vergangen, doch sie konnte sich noch ganz genau an jenen regnerischen Tag erinnern, als dieser kleine runde Mann mit dem langen Bart vor ihrem Bentley auftauchte und damit ihre Gedanken, nein, ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte. Was mit einer kleinen unscheinbaren Begegnung begann, hatte sich inzwischen zu einem riesigen Tsunami entwickelt. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass gerade ihr so etwas passiert und sie eines Tages ihr ganzes Leben und ihre ganze Person in Frage stellen würde. Doch so war es. Eine Welle der Entschlossenheit war über sie hereingebrochen und sie konnte nicht anders, als ihrem Wunsch nach einer radikalen Veränderung nachzugehen. Dieser alte Mann hatte ihren wunden Punkt dermassen und haargenau getroffen, dass sie erkennen musste, dass sie das Leben, welches sie bisher geführt hatte, nicht glücklich machte.

“Du siehst scheisse aus”, hatte er damals zu ihr gesagt. Nicht die Worte, die eine äusserlich immer gepflegte und teuer gekleidete Frau hören wollte. Doch waren es genau die Worte, die sie damals gebraucht hatte…

Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen

Nun stand sie da, ein grosser Koffer links, ein grosser Koffer auf ihrer rechten Seite. Das Taxi war unterwegs zu ihr, denn sie musste weg. Weg von diesem Ort, weg von diesem Mann, weg von diesem grossen Haus, dass sie bisher stolz ihr liebevolles und perfektes Zuhause genannt hatte. Sie musste diesen einen Mann finden, der ihr das alles eingebrockt und sie zu diesem Schritt gebracht hatte, ohne es zu wissen. Herbert! Sie musste ihn finden und ihm alle diese Fragen stellen, die sie sich selber nicht beantworten konnte. Doch wo war er? Keine Ahnung. Sie wusste nicht einmal, ob er überhaupt noch am Leben war, denn beim letzten Aufeinandertreffen sah man ihm an, dass seine blühendsten Jahre vorüber waren. Doch sie war entschlossen ihn zu finden. Wenigstens ein einziges Mal musste sie Herbert sehen und mit ihm sprechen können. Und so musste sie es wohl in Kauf nehmen, die Suche nach der Nadel im Heuhaufen – oder dem Herbert irgendwo da draussen.

Herbert wo bist du?

Sie hatte nicht viele Anhaltspunkte und kannte ja all die Orte nicht, wo sich Herbert überall aufhalten könnte. Und so blieben ihr eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wo sie mit der Suche beginnen und auf einen Hinweis oder ein Wunder hoffen konnte: Der Platz an der Rotlichtampel, an dem Herbert ihr damals begegnet war oder der Campingplatz, auf dem er zuletzt gewohnt hatte. An beiden Plätzen war sie in den letzten zwei Jahren unzählige Male – vergeblich. Doch heute musste sie es ein weiteres Mal versuchen. Und so liess sie sich mit dem Taxi zuerst in die Innenstadt kutschieren. Die Rotlichtampel stand da, wie immer. Von Herbert weit und breit keine Spur. War klar.

Am Campingplatz angekommen, liess sie den Taxi-Chauffeur ihre zwei Koffer ausladen, drückte ihm ein angemessenes Fahr- und Trinkgeld in die Hände und begab sich auf direktem Weg zu der Campingplatz-Rezeption. Fest entschlossen und voller Hoffnung hatte sie vor, ein paar Tage selber einen Wohnwagen zu mieten und darauf zu warten, dass Herbert endlich auftauchte.

Ganze drei Tage vergingen, doch es passierte nichts. Sie verlängerte ihren Aufenthalt um zwei weitere Wochen, doch Herbert tauchte nicht auf. Inzwischen hatte sie sich natürlich auch mit dem ehemaligen Camping-Mitbewohner von Herbert getroffen. Rudi war sein Name. Doch auch Rudi konnte ihr nicht weiterhelfen: “Herbi ist wie ein plötzlich auftretendes Gewitter. Er kommt, stiftet Unruhe und verschwindet dann auf unbestimmte Zeit”, berichtete er ihr mit einem leichten Augenzwinkern. “Du solltest nach Hause gehen und deine Zeit nicht damit verschwenden, auf einen alten Mann zu warten.”

Schon wieder eine Antwort, die sie nicht hören wollte. Nein, Aufgeben kam jetzt nicht in Frage. Sie würde Herbert finden, irgendwie, irgendwo. Und so vergingen weitere vier Wochen, die sie damit verbrachte, in ihrem gemieteten Wohnwagen zu sitzen und auf das Auftauchen, eine Nachricht oder wenigstens ein Zeichen von Herbert zu hoffen. Aber womöglich konnte sich dieser gar nicht mehr an sie erinnern. Ihre Begegnung war ja schliesslich so kurz und für ihn sicherlich nicht so prägend wie für sie.

Sehnsucht und Zweifel

Nichts passierte, keine Spur und keine Zeichen von Herbert. Sie war traurig und niedergeschlagen. Vielleicht sollte sie wirklich auf Rudi hören, diesen alten Mann und die ganze Geschichte einfach vergessen und nach Hause zurückkehren. Nach Hause? Ihr Mann würde sie garantiert nicht mit Handkuss empfangen, nachdem sie ihn einfach verlassen hatte. Nie würde sie ihm ihre Beweggründe für das plötzliche Abreisen so erklären können, dass auch er sie verstehen konnte. “Du bist wirklich die undankbarste Frau, die ich je kennengelernt habe”, hatte er ihr vor ihrer Abreise an den Kopf geworfen. “Ich habe dir alles ermöglicht, wovon die meisten Weiber nur Träumen können und was tust du? Du lässt die ganze Familie im Stich, nur weil irgend so ein alter Penner dir den Kopf gewaschen und dir diesen Floh in den Kopf gesetzt hat!”

Recht hatte er, sie war wirklich sehr undankbar. Dieser Mann hatte ihr wirklich jeden Wunsch von den Lippen abgelesen – jedenfalls die Wünsche, die man mit Geld verwirklichen konnte. Doch was war mit ihren Gefühlen? Ihrem Wunsch nach einem Mann, der nicht immer auf Reisen ist, sondern für sie und ihre Familie da ist? Dem Gefühl von Geborgenheit und dem Wissen, wirklich geliebt zu werden? Viel Geld aber keine Zeit füreinander – war das wirklich das, was sie wollte? Sie wusste im Moment gar nichts mehr. Nur, dass sie ihre beiden Mädchen sehnlichst vermisste. Sie hatte sie einfach bei ihrem Mann zurückgelassen unter dem Vorwand, dass sie sich nun eine Zeit lang um ihre kranke Grossmutter kümmern musste. Sie sei bald zurück, hatte sie ihren Töchtern noch ins Ohr geflüstert und sich dann von ihnen verabschiedet.

Zurück nach Hause

Herbert würde nicht mehr auftauchen. Es war naiv und dumm von ihr zu glauben, dass er irgendwo auf sie warten würde und sie wieder zusammensitzen und über das Leben philosophieren konnten, wie damals vor zwei Jahren. Sie musste nach Hause gehen, ihre Mädchen in die Arme schliessen und ihren Mann um Vergebung bitten. Vielleicht würde er sich für sie ändern und seine ganzen Reisen nun von seinem Stellvertreter übernehmen lassen. Und dann würde alles gut werden. Bestimmt.

Sie verabschiedete sich von Rudi, gab ihre Schlüssel von dem gemieteten Wohnwagen bei der Rezeption ab und wartete beim Camping-Eingang auf ihr Taxi. Und dann sah sie ihn. “Herbert, bist du es wirklich?”, rief sie dem Mann zu, der vor ihr auf einer Parkbank sass und gemütlich eine Zigarre rauchte. Der bärtige Mann drehte seinen Kopf zu ihr um und lächelte erfreut: “Ah, Madame-Besserverdiener stattet mir einen Besuch ab”.

Er war es wirklich! Sie war überglücklich. Nun würde wirklich alles gut werden. Bestimmt.

(Fortsetzung folgt…)

Photo Titelbid: Marc Kleen / Unsplash

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